Unser Denken

Problemfelder für Betroffene von Gewalt in der Kindheit

Gewaltbegriff

Wann ist ein Kind Gewalt ausgesetzt? Es ist wichtig vorauszuschicken: Kinder werden mit Gewalt, die gegen Sie ausgeübt wird, unterschiedlich gut oder schlecht fertig. Es gibt Kinder, die geschlagen werden und später als Erwachsene dieses Leid in sinnvolles Verhalten umwandeln – es gibt Kinder, die von einer einzigen lautstarken Auseinandersetzung der Eltern ein Trauma davontragen. Prinzipiell ist es aber für ein normales, gesundes und selbstbestimmtes Leben wichtig, eine Kindheit zu bearbeiten – sei es in einer Therapie, einer Hypnose oder mit anderen Methoden, wie wir sie hier gesammelt haben. Wie sich Gewalt auswirkt, erkennt man sehr gut am Verhalten des Kindes. Wir betonen nochmals: die überwiegende Mehrheit von Betroffenen von Gewalt in der Kindheit wird später nicht nur keine Gewalttäter:innen, sondern entwickeln besondere Empathie für Menschen, die ein herausforderndes Leben haben. Letztstand der Wissenschaft scheint aber zu sein: wenn Menschen eine biologische Prädisposition im Gehirn haben, die verhindert, Empathie zu entwickeln und diese Menschen besonderer Gewalt in der Kindheit ausgesetzt werden – dann kann es schon zu furchtbaren Entwicklungsstörungen kommen. Aber selbst da ist es kein Muss.

Aggression

Betroffene von Gewalt in der Kindheit haben oft das Problem eines hohen Aggressionslevels. Diese Aggressionen sind ungerichtet, können sich also gegen andere genauso richten, wie gegen sie selbst. Es gibt unterschiedliche Reaktionen auf diese Wut, die sich da angestaut hat. Betroffene, die Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung mit anderen bejahen, haben auch keine Skrupel, diese einzusetzen. Das ist aber die Ausnahme. Die meisten von uns lehnen, aufgrund der eigenen Erfahrung und im Bewusstsein der Auswirkungen, Gewalt an sich ab. Und verbringen einen guten Teil ihres Lebens damit, die inneren Dämonen zu bändigen. Vor allem bei der Erziehung der eigenen Kinder erweist sich das oft als Herkulesaufgabe. Hier bietet unser Verein Unterstützung an. Wichtig ist zu wissen: die Wut, wird sie nicht bewusst und kontinuierlich bearbeitet, bleibt in uns lebendig. Und führt zu allen möglichen, nur schwer zu beeinflussenden, Ereignissen im Leben von Betroffenen.

Angst

Es muss nicht immer körperliche Gewalt sein, die unsere Persönlichkeit in der Kindheit fürs Leben prägt. Auch Angst ist eine beliebte Erziehungsmethode, um Kinder gefügig zu machen. Angst kann auf unterschiedlichste Arten verbreitet werden und führt zu unterschiedlichen psychischen Problemen. Wenn die Kindheit angsterfüllt war, ist auch die Scham davor, Angst zu haben, ein großes Problem. Niemand will als einsamer Feigling enden. Oder so gesehen werden. Sich aber diese Angst einzugestehen, ist der Beginn des Weges zur Lösung. Ängste der Kindheit können später zu Phobien auswachsen, sie können auch in ungerichtete Aggression umgewandelt werden. Bekanntermaßen sind Amokläufer oft Menschen, die in ihrer Kindheit und Jugend gehänselt und gemobbt wurden.

Scham

Wut hängt eng mit Scham und Angst zusammen. Angst kann man durch eigene Aggression begegnen. Scham ist ein Zustand, in dem die eigenen Gefühle nicht ausgesprochen werden können. Wut ist ein Ausweg, das nicht Formulierbare in Handlungsfähigkeit zu übersetzen.

Boris Cyrulnik schreibt, dass wütende Menschen immer eine Erinnerung an Demütigung und Erniedrigung in sich tragen, die sie durch Aggression kompensieren müssen. Die Wut ist eine Ersatzhandlung, die das eigene emotionale Ungleichgewicht wieder und wieder zum Ausdruck bringt. Als Betroffene stecken wir immer in diesem Dilemma, dass die Wut ein Ausweg aus einem Mangel an Handlungsfähigkeit ist, aber das Problem, das die Wut auslöst, Angst, Scham und Schwäche nicht lösen kann.

Einsamkeit

Eine Menge von uns Betroffenen von Gewalt in der Kindheit „entscheiden“ sich für ein Leben in Einsamkeit. Entscheiden ist hier als Begriff nicht richtig – es fehlt im Normalfall an emotionalen und psychischen Möglichkeiten, Beziehungen zu anderen Menschen aufrecht zu erhalten. Viele von uns nehmen normale Gespräche nicht so wahr, wie das Menschen tun, die keine Gewalt in der Kindheit erlebt haben. Oft werden harmlose Aussagen als Angriffe gewertet, Späße gehen schief, Diskussionen werden persönlich genommen und es kommt zu Auseinandersetzungen, wo am Ende beide nicht wissen, warum so viel Aggression im Raum war. Als Betroffener geschieht das leider sehr oft und ist genauso demütigend wie angsterregend. Und führt oft zu einem Rückzug aus dem sozialen Umfeld. Was dann auch nicht zu einer abgerundeten und sympathischen Persönlichkeit führt. Im Endeffekt werden wir nicht zu Partys eingeladen, Vereine schließen uns aus, Partner:innen verlassen uns und auch der Job beginnt zu wackeln, was zu häufigen Jobwechseln und dem Fehlen einer Aufstiegsmöglichkeit oder Karriere führt.

Ideologischer oder religiöser Fanatismus – „Werte“ und „Prinzipien“ und das damit verbundene Feindbilddenken

Leider bieten sich in der Gesellschaft immer wieder Möglichkeiten, um Aggressionen „anerkannt“ zu verpacken und auszuleben. Vor allem Organisationen, die für das Gute, Wahre oder Schöne kämpfen, die für Gott oder das Vaterland Kanonenfutter benötigen, bieten eine attraktive Möglichkeit für Menschen, Aggressionen nach außen zu richten und dafür Anerkennung zu bekommen. Die verheerenden Auswirkungen, die hier die unterschiedlichen Formen des Idealismus haben, die immer wieder in Lagern für die „bösen“ Menschen geendet sind, seien hier nur kurz angerissen. Damit kommen wir auf die gesellschaftliche Dimension, die Kindererziehung hat. Wenn wir uns in der Welt umsehen, merken wir, je gewaltgeprägter die Kinder erzogen werden, desto autoritätshöriger sind die Erwachsenen dieser Gesellschaft. Desto schwieriger ist es, diese Gesellschaft in Richtung einer zivilen Gesellschaft zu entwickeln. Je mehr Kinder Gewalt ausgesetzt sind, desto eher braucht es einen starken und autoritären Führer an der Spitze. Und desto mehr Rückhalt hat dieser Führer, Populist, Landesvater usw.

Wir wenden uns gegen jedes Feindbilddenken – und es ist uns egal, ob es der schlagende Vater ist, der selbst als Kind schweren Missbrauch erleben musste oder die Mutter, die ihr Kind immer runtermachen muss, der selbst als Kind bereits jedes Selbstbewusstsein runtergeräumt wurde, der Reiche, dessen Gier angeblich Schuld an der Armut auf der Welt ist, der Arbeitslose, der angeblich zu faul zu allem ist, der Jude, der ohnehin am ganzen Unglück der Welt Schuld hat, der Schwarze, der immer nur Rauschgift verkauft und welche Feindbilder auch immer die Aggressionen des eigenen Alltags strukturieren. Aufgrund der Realität als Betroffene von Gewalt in der Kindheit wissen wir – Aggressionen lauern immer im Hintergrund und es bedarf einigen Trainings, sie nicht zum Ausbruch kommen zu lassen. Aber Aggressionen lassen sich auch gegen sich selbst richten. Sei es als Krankheit, sei es als selbstzugefügtes Leid durch Male am eigenen Körper. Aufkratzen, Ritzen, unnötige Operationen bis zu Obdachlosigkeit – die Entwertung durch die Eltern wurde verinnerlicht und wird gelebt.

Krankheit

Viele von uns entwickeln chronische Krankheiten. Die Probleme mit dem sozialen Umfeld, die Ängste und Aggressionen, die Einsamkeit – das alles führt oft am Beginn zu psychosomatischen Erkrankungen und später zu manifesten Krankheiten. Die vielen negativen Erlebnisse mit anderen Menschen können das Immunsystem schwächen. Hier finden Sie die Studiensammlung, die den Zusammenhang von Gewalt in der Kindheit und Krankheiten nachweisen. 

Retter

Eine spezielle Art von Symbionten von Betroffenen von Gewalt in der Kindheit, die in der Opferrolle verharren, sind die Retter. Retter verstehen total das Leid der Opfer. So gut, dass sie dem Opfer jedes Recht geben, in der Opferrolle zu verharren. Weil nur dann können sie das tun, was sie am liebsten tun: helfen und retten bis zur Selbstaufgabe. Dazu bedarf es aber immer der Opfer, die ihre Opferrolle nie ablegen.

Opferrolle

Viele Betroffene flüchten sich in die Opferrolle. Wer kennt nicht die Maßlosigkeit von manchen Menschen, egal was man für sie tut, es ist nie genug. Menschen, die nur darüber reden können, wie schlimm nicht alles ist, wie furchtbar mit ihnen umgegangen wird – die im Endeffekt aber keine Empathie für das Gegenüber aufzubringen im Stande sind. Kinder, die nie gehört wurden in ihrem Schmerz, in ihrer Einsamkeit, versuchen den Rest ihres Lebens endlich gehört zu werden.

Die Bewusstwerdung zu einem Opfer gemacht worden zu sein, ist bei der Verarbeitung einer schwierigen Kindheit wichtig, um sich selbst gegenüber eingestehen zu können, dass man Opfer einer Situation war, aber keinesfalls die Schuld trägt (ich habe die Schläge verdient). Aber es ist uns wichtig zu betonen, dass die Opferrolle nur eine Station ist und keinesfalls die Lösung der Problematik. Eine Gefahr der Opferrolle ist leider, dass Opfer sich wehren dürfen. Wir wissen, die Aggressionen kommen im Normalfall einfach hoch und suchen sich eine Richtung. Gerade Betroffene in der Opferhaltung neigen dann dazu, keinen Halt mehr zu kennen und es ist ihnen die Projektion des Täters oder der Täterin in jeden Menschen gerade recht. Jeder wird dann als Täter erkannt (wir kennen dieses Argument auch von Feministinnen, wo jeder Mann zum potenziellen Täter gemacht wird, von antirassistischen Bewegungen, wo jeder Weiße zum Rassisten wird, wo jeder Jude am Unglück Schuld ist usw.) Was auf lange Sicht zur Einsamkeit oder zur Grausamkeit führt, jedenfalls nicht zur Übernahme von Verantwortung fürs eigene Leben und die eigenen Taten.