Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen!

Warum dann doch viele wegschauen, wenn es Gewalt an Kindern gibt:

Wir glauben nicht, dass es heute allzu viel Widerspruch gibt, dass Kinder keine Gewalt erleben sollen. In öffentlichen und privaten Äußerungen gibt es viele ehrlich gemeinte Lippenbekenntnisse, Solidaritätsbekundungen und Gesten der Betroffenheit. Aber die Gewalt passiert nicht, weil sie von allen gut geheißen wird. Sie passiert, weil es Kinder mit überforderten oder psychisch beschädigten Eltern und Aufsichtspersonen gibt, um deren Schicksal sich niemand kümmert, weil sie einfach übersehen werden. Die Gewalt passiert dort, wo niemand hinschaut, weil keine Zeit war, weil man sich nicht in anderer Leute Angelegenheiten einmischen will oder weil man annimmt, dass es jemand anderer schon richten wird.
Es ist häufig von Zivilcourage die Rede. Aber ist es wirklich der Mangel an Zivilcourage, um den es hier geht? Der Begriff der Zivilcourage sieht einen heroischen Retter deutlich vor sich, der sich erfolgreich gegen die allgemeine Gleichgültigkeit stemmt. Aber das ist nicht die Tugend von der wir reden müssen, wenn es um die versteckte oder erst zu spät wahrgenommene Gewalt an Kindern geht.
Was fehlt ist Interesse. In Zeiten der Pandemie wird das Desinteresse durch verschiedene Maßnahmen verstärkt und sogar sozial belohnt. Abstand zu halten, persönliche Begegnungen zu meiden und Masken zu tragen hat, hat verbunden mit Lockdowns nicht nur mehr häusliche Gewalt erzeugt, sondern auch die Wahrnehmung aller voneinander in ein neues Loch von sozialer Distanz gestürzt. Das Mehr an häuslicher Gewalt während der Pandemie ist das Produkt der harten Lockdowns, die jene Familien isoliert haben, aber auch das Ergebnis der allgemeinen Isolation unter einander. Social distancing erfordert mehr Desinteresse und es fördert mehr Gleichgültigkeit.
Den Schaden, der bereits entstanden ist kann man nicht mehr rückgängig machen, aber man kann Dinge in der Zukunft besser machen. Aber dazu bedarf eines neuen Denkens, das soziale Distanz überwindet und bewirkt, dass sich jede/r einzelne auch mitverantwortlich fühlt. Nicht allen Leuten kann geholfen werden, aber der schwer überforderten Nachbarin hin und wieder ihre/seine Hilfe anzubieten, oder einfach nur freundlich zu grüßen, kann mehr bewirken als es auf den ersten Blick scheint. Wenn es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen, was sollen die Städter dann tun? Jedes Haus, jeder Nachbar und jede interessierte Mensch aus dem Grätzel kann ein Teil des Dorfes werden, das sich gemeinsam dafür verantwortlich fühlt, dass die Kinder nicht gänzlich unbeachtet bleiben. Interessieren sie sich dafür, was um sie herum vorgeht. Sprechen sie mit anderen darüber. Übernehmen sie hin und wieder Verantwortung dafür, was bei ihnen im Haus passiert. Seien sie präsent. Der Nachteil von Prävention ist, dass sie schwer messbar ist. Wenn etwas nicht passiert, kann es nicht wahrgenommen werden. Was man alles verhindern kann, wenn man sich rechtzeitig für andere interessiert und dem eigenen Bauchgefühl traut, dass die Situation nicht mehr lange gut geht, kann niemand mit Sicherheit sagen. Aber was wir mit Sicherheit sagen können ist, dass Gewalt an Kindern nicht einfach unbeobachtet bleibt, wenn sich das Dorf darum kümmert.

Unser Gemeinschaftsleben

Wir treffen uns jeden Dienstag als gesamte Gruppe. Ein Gruppenabend ist einerseits zur Weiterbildung und Diskussion da – wir haben fast jeden Dienstag einen Vortrag mit anschließender Diskussion – aber auch, um sich untereinander wohlzufühlen und ein wenig Spaß zu haben. Alle paar Wochen treffen wir uns und gehen aus. Zusätzlich dazu sind wir in Arbeitsgruppen organisiert, die an unseren Projekten arbeiten. Wir haben die Jurist:innengruppe als Rechtsberatung, die Psycholog:innengruppe als Unterstützung im psychischen Bereich, die Social MediaGruppe verbreitet unseren Content, die IT-Gruppe ist für die Website und die IT-Unterstützung verantwortlich, unsere Grafikgruppe zeichnet für unsere Broschüren und Kurse eindrucksvolle Bilder, die Fundraisinggruppe arbeitet an der Finanzierung, die Anpacken-Gruppe macht Infotische und verteilt Flyer. Und die Abfeiern-Gruppe ist für unsere sozialen Happenings zuständig. In der Successstorygruppe treffen sich nur die Betroffenen, um über ihre eigenen Erlebnisse in der Kindheit zu sprechen – in einer Umgebung, die deshalb Verständnis zeigen kann, weil sie es wirklich versteht.

Wie erkenne ich Gewalt an Kindern?

Eine der erschütterndsten Rückmeldungen von staatlichen Stellen, die sich um die Verhinderung von Gewalt gegen Kinder bemühen, ist: „Leider erfahren wir immer zu spät von den Problemen.“ Das entspricht auch unserer Wahrnehmung in der Kindheit. Wird ein Kind schlecht behandelt, wird das immer noch als die Sache des Kindes und seiner Eltern gesehen. Bei uns allen ist das Wissen, um das Verbot Kinder zu schlagen, schon verankert, daher sieht man nur noch in Ausnahmefällen das Schlagen von Kindern in der Öffentlichkeit. Aber: in den eigenen vier Wänden spielt sich die Hölle für viele Kinder noch immer ab.
Leider ist das Wissen, woran man am Kind erkennt, dass es Gewalt ausgesetzt ist, nicht sehr weit verbreitet. Daher listen wir nachfolgend einige Verhaltensweisen und Erkennungsmerkmale von Kindern auf, welche darauf hindeuten können, dass Kinder Gewalt ausgesetzt sind.
Bereits bei Kleinkindern unter 1,5 Jahren sind auffällige Verhaltensweisen beobachtbar:
• Rückzugsverhalten und Verstecken, Freud- und Antriebslosigkeit, keine Reaktion auf Ansprache
• extreme Scheu und Angst, schreckhaft, Eltern/Verwandten gegenüber furchtsam, panische Trennungsangst, vermehrtes Weinen
• stark distanzloses Verhalten
• selbstverletzendes Verhalten, Hin- und Herwerfen des Körpers, ausreißen eigener Haare, sich selbst beißen
Bei älteren Kindern bis zu 6 Jahren könnten folgende Indizien hinzukommen:
• unangemessenes Verhalten gegenüber Erwachsenen (Beschimpfungen, Drohungen), nichteinhalten von Grenzen
• Aggression und Gewalt gegenüber anderen Kindern, Unfähigkeit zur positiven Kontaktaufnahme
• fremdverletzendes Verhalten
• sexualisiertes Verhalten, stark sexualisierte Sprache, Anbieten von sexualisierten Handlungen
• motorische Auffälligkeiten, nicht altersgerechte Fortbewegung, Bewegungsunsicherheit
• sprachliche Auffälligkeiten
Noch ältere Kinder im Schulalter (6-14 Jahre) können zusätzlich jene Auffälligkeiten aufweisen:
• altersunangemessener/exzessiver Medienkonsum
• sprachliche/motorische/kognitive Auffälligkeiten, geringer Selbstwert
• Auffälligkeiten im Sozialverhalten, Fehlen sozialer Beziehungen, Distanzlosigkeit, mangelnde Empathie, provokatives Verhalten, Opfer von Provokation, mangelnde Frustrationstoleranz
• altersunangemessenes Sexualisiertes Interesse und Verhalten
• psychische Auffälligkeiten, Rückgriff auf frühkindliche Verhaltensweisen, Angst und Misstrauen, extreme Unruhe, starke Niedergeschlagenheit, zwanghaftes Verhalten, Motivationslosigkeit
• Risikoverhalten und Substanzkonsum, Konsum von Rauschmittel, Aggressivität und Delinquenz, selbstgefährdendes Verhalten
Außerdem gibt es einige allgemeine Merkmale, die immer ein Indiz auf Kindesmisshandlung darstellen können:
• Auffälligkeiten körperlicher Gewalteinwirkungen, Schmerzen ohne direkt zuordbaren Anlass
• ungepflegter äußerer Zustand, Mangel- oder Fehlernährung, Vernachlässigung der Körperhygiene
• ungewöhnliche Müdigkeit
• mangelnde medizinische/therapeutische Versorgung

Stärken von Betroffenen

Betroffene von Gewalt in der Kindheit haben einen harten Weg vor sich, der auch oftmaliges Scheitern beinhaltet. Aber ihn zu gehen und es zu schaffen, eine Therapie abzuschließen, trotz der Dämonen ein liebevoller Elternteil zu sein, die Aggressionen nie gegen sich oder andere zu richten, trotzdem einen großen Freundeskreis zu haben, trotzdem eine glückliche Beziehung zu führen, trotzdem ein normales Leben zu führen – aus unserer Sicht die Verantwortung für etwas, das einem angetan wurde, übernommen zu haben – das führt oft zu sehr interessanten, meist etwas seltsamen Persönlichkeiten. Viele von uns entwickeln Stärken, die auch der Gesellschaft nützen, die bewundert werden. Das ist eine unserer Stärken und auf die können wir stolz sein.

Fundraising

Wir benötigen für unterschiedliche Projekte finanzielle Unterstützung. Dazu haben wir zwei Kampagnen laufen, eine auf respekt.net und eine auf gofundme.

Wofür verwenden wir diese Gelder?

Wir besuchen Familien, auf die wir hingewiesen wurden, weil die Kinder schlecht behandelt werden. Hier geht es ausschließlich um physische und psychische Gewaltausübung. Als Betroffene erkennen wir sehr gut, ob es sich um eine Familie handelt, die Gewalt im Alltag ausübt oder nicht. Dazu benötigen wir dann noch professionelle Unterstützung durch Sozialarbeiter:innen und Psycholog:innen, die natürlich etwas kostet. Da dieses Programm sehr aufwändig ist und kaum einen Job nebenbei zulässt, werden auch die Leute, die als Betroffene diese Familien besuchen, von uns mit einer Aufwandsentschädigung bedacht.

Dazu stellen wir bei Bedarf Geld zur Verfügung, sollte Nachhilfeunterricht, Alltagsunterstützung wie Einkäufe, Amtswege usw. oder Babysitting nötig sein. Dazu organisieren wir immer wieder Kurse in Erziehungsfragen, Therapien – alles was nützt, damit die Familien aus der Gewaltspirale kommen.